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Der zweite Beitrag: Ein Plädoyer für das Lesen

Aktualisiert: 8. Juli 2021


Seit einigen Wochen ist die Website nun online. Die Zeit bleibt aber nicht stehen. Die Bachelorarbeit sowie einige Klausuren sorgen für die nötige Beschäftigung über den Tag hinweg Doch auch das geht vorbei. In der Zwischenzeit bewegen wir uns von einem Lockdown in den nächsten und die Tage fühlen sich alle ziemlich gleich an. Sowohl Partys als auch Reisen sind entweder gar nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Als Folge hieraus verbringen wir den Großteil unserer Zeit Zuhause. Wer sich im Home Office befindet, für den stellt die Fahrt zum Supermarkt das Highlight des Tages dar. Unweigerlich stellt man sich die Frage, was man am besten mit seiner Zeit anfangen soll. Netflix? Schon alles gesehen (oder zumindest was einen interessiert). PlayStation? Nicht schon wieder... Also was man kann man tun?


Laut einer im Juni 2020 durchgeführten Studie lesen 41% der Deutschen durch die Pandemie mehr, als zuvor. Mit 59% hat das Fernsehen jedoch den größte Zuwachs der Freizeitaktivitäten erhalten (vgl. Statista, 2020). Jeder kann für sich selbst entscheiden, zu welcher Gruppe man gehört. Wird die Entscheidung für das Lesen getroffen hat das Auswirkungen auf verschiedenste Bereiche, nicht zuletzt auf die Gesundheit. Eine Untersuchung der renommierten Yale-University hat herausgefunden, dass bereits eine halbe Stunde lesen am Tag, das Leben signifikant verlängert. Bei einer Lesezeit von 3,5 Stunden pro Woche, erhöht sich die Lebenserwartung um 17%. Werden die 3,5 Stunden pro Woche überschritten kann die Lebenserwartung um 23% ansteigen (vgl. Bavishi/Slade/Levy, 2016). Damit die gewünschten positiven Effekte erzielt werden, bedarf es allerdings dem Lesen eines Buches und nicht dem einer Zeitung. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Leser sich inhaltlich viel tiefer auf den Inhalt eines Buches einlässt. Dieses Phänomen wird Deep Reading genannt. Die Journalistin Solveig Hoffmann schreibt: "Die Zeit, die man (...) mit dem Lesen verbringt, wird einem am Ende wieder gutgeschrieben und in Form von Lebenszeit ausbezahlt." (Hofmann, 2016). Gerade für kritische Menschen, ist es entscheidend, das Gelesene zu hinterfragen. Der deutsche Schriftsteller und Satiriker Patrick Salmen hat sich in seinem "Tagebuch eines Nichtrauchers" mit einer ähnliche Argumentation bereits auseinandergesetzt. Er entgegnete "Wenn du joggen gehst, gewinnst du zwar mehr Lebenszeit, verbringst diese aber mit Joggen." (Salmen, 2015). Diese bewusst sarkastisch formulierte These soll provozieren und nicht für all zu ernst genommen werden. Dennoch kann es durchaus sinnvoll sein, sich mit dieser Argumentation zu beschäftigen. Bringt das Lesen denn noch weitere Vorteile?


Die Antwort ist ein klares "Ja!". Das haben verschiedene empirische Untersuchungen bereits belegt. Der Psychologe Falk Hüttig, der Max-Planck-Gesellschaft, geht einen Schritt weiter und zeigt in seiner Untersuchung, das Lesen nicht nur individuellen Nutzen stiftet, sondern darüber hinaus für die Gesellschaft als Ganzes. Er identifiziert das Lesen als Basis für demokratische Entscheidungen und begründet dies damit, dass die Fähigkeit Lesen und Schreiben zu können die Voraussetzung für die Analyse von komplexen Problemen ist und dadurch eine sachlich fundierte öffentliche Debatte überhaupt erst ermöglicht wird. Dies führt zu einer sinnvollen kollektiven Entscheidungsfindung. Langfristig können so öffentliche Angelegenheiten besser verstanden und demnach auch kontrolliert werden, was die Basis einer Demokratie darstellt (vgl. Hüttig, 2018). Der Aussage kann entgegnet werden, dass diese Erkenntnisse vor allem in Entwicklungs- sowie Schwellenländer Anwendung finden und für unsere westlichen Gesellschaften kaum noch von Bedeutung ist. Jedoch sollte man diesen Trugschluss keinesfalls ziehen. In Zeiten von "Fake-News" und "Alternativen Fakten" ist die Fähigkeit zu Lesen und dadurch komplexe Probleme überhaupt erst begreifen zu können eminent wichtig geworden. Es macht einen großen Unterschied, ob Inhalte einfach nur gelesen (konsumiert) werden oder ob sich mit dem Gelesenen auch maßgeblich auseinander gesetzt wird. Es sollte sich die Frage gestellt werden, welche Botschaft der Verfasser mit seinem Beitrag vermitteln will? Will er lediglich informieren/bilden oder den Leser in eine bestimmte Richtung lenken? Werden die Erkenntnisse von weiteren unabhängigen Quellen bestätigt oder gar widerlegt?


Die Fähigkeit solche Fragen überhaupt zu stellen und Fake-News als solche zu erkennen wird durch das Lesen von Büchern verstärkt. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat im Interview mit Markus Lanz darauf hingewiesen, dass Fake-News dazu beitragen, dass sich eine Gesellschaft spaltet und als Konsequenz daraus radikalisiert. Die Diskussionskultur sei eine andere geworden. Früher habe man sich auf ein Problem geeinigt und über mögliche Lösungswege debattiert. Heutzutage könne man sich nicht einmal mehr auf die zugrundeliegenden Fakten einigen, welche entscheidend seien, um eine Lösung zu finden (vgl. Obama, 2020). Solange man sich nicht auf die Existenz eines Problems einigen kann, ist es unmöglich eine Lösung für dieses Problem zu finden. Beispielhaft kann hier der Klimawandel herangezogen werden, welcher bis heute partiell bestritten wird, obwohl die Existenz schon seit über 30 Jahren belegt ist. Hierzu eine kurze Anekdote:


Im Jahr 1986 setzte sich der Öl-Konzern Shell mit dem Klimawandel auseinander und versuchte herauszufinden, ob dieser denn real sei. Hierfür wurden konzerneigene Wissenschaftler in der "Arbeitsgruppe Treibhauseffekt" beauftragt, dies zu untersuchen (vgl. Evers, 2018). Zwei Jahre dauerte die Untersuchung und kam zu der Erkenntnis, dass die Verbrennung von fossilen Energieträgern Kohlendioxid freisetzt. Dies wird die Erde langfristig aufheizen. Weitere Folgen wie ein steigender Meeresspiegel, ein Schwund von Korallenriffen, das Schrumpfen der polaren Eismassen, eine steigende Anzahl an Extremwetterereignissen sowie eine wachsende Instabilität der Ökosysteme, wurden bereits früh identifiziert und als zukünftige Folge prognostiziert. Der vollständigen Bericht kann unter www.climatefiles.com nachgelesen werden. Diese Folgen sind heute bereits messbar. Der Shell Konzern fand sich nun einer Zwickmühle wider. Würde man die gewonnen Erkenntnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, ginge das mit einer Schädigung des eigenen Geschäftsmodells einher. So würde die Ölindustrie Gewinne in Milliardenhöhe verpassen. Man würde der Menschheit allerdings als Ganzes etwas gutes tun und ein bedeutendes Problem bereits früh erkennen und entsprechend handeln. Über die Konsequenzen kann man heute nur noch spekulieren. Es ist davon auszugehen, dass der Klimawandel für uns heute ein geringeres Risiko darstellen würde als er es nun tatsächlich tut. Der Shell-Konzern hat einen anderen Weg eingeschlagen. Nicht nur, dass die gewonnen Erkenntnisse als "vertraulich" eingestuft wurden und somit vor der Öffentlichkeit geheim gehalten wurden. Man hat sich bewusst dazu entschieden, Millionen von Dollar zu investieren, systematisch Zweifel am Klimawandel zu streuen (vgl. Evers, 2018). Die im Zuge dieser Desinformationskampagne entstanden "alternativen Fakten", werden von Klimaleugnern bis heute zur Argumentation gegen die Existenz des Klimawandels verwendet.


Doch wie passt diese Anekdote in ein Plädoyer, dass den Zweck verfolgt mehr Menschen zum Lesen zu bringen? Das Ziel ist es Menschen zu bilden. Das Lesen wurde bereits als Voraussetzung für die Analyse von komplexen Problemen identifiziert, welche die Grundlage bildet sachlich fundierte öffentliche Debatten überhaupt führen zu können. Es wäre zu einfach zu behaupten, dass eine höhere "Lesequote" in der Bevölkerung, eine solche Aktion, wie die der Öl-Konzerne verhindert hätte. Dieses moralische Dilemma zwischen der Gier und dem Drang etwas "Gutes" zu tun, soll in Rahmen dieses Blog-Posts gar nicht behandelt werden, da es schlichtweg nicht das Thema ist. Es geht darum eine Kernbotschaft zu vermitteln. Mehr Lesen, um die eigenen kognitiven Fähigkeiten dahingehend zu schärfen, solche Kampagnen frühzeitig zu erkennen. Auf Instagram, Facebook und Co. nicht blind Beiträge zu teilen, weil mir gerade die neuesten politischen Entscheidungen nicht gefallen. Nicht wegzuschauen, wenn im Zuge von s.g. "Querdenken"-Demonstrationen Vergleiche zu Sophie Scholl gezogen werden. Keine Stammtisch-Parolen naiv weiterzutragen. Es geht um eine objektive und respektvolle Auseinandersetzung mit Sachverhalten. Die Wahrheit zu sagen auch wenn es schwer fällt. Das richtige Tun. Somit soll dieses Plädoyer nicht zuletzt die Botschaft vermitteln:


"Versuchen Sie die Wahrheit zu sagen. Oder lügen Sie zumindest nicht" - Jordan B. Peterson


Alessio Fratello




Literatur:


Bavishi, Avni/Slade, Martin D./Levy, Becca R (2016): A chapter a day: Association of book reading with longevity, New Haven USA: Yale University School of Public Health, Laboratory of Epidemiology and Public Health, 2016


Evers, Marco (2018): Vertrauliche Shell-Studie - Wie ein Ölkonzern sein Wissen über den Klimawandel geheim hielt, https://www.spiegel.de/spiegel/wie-shell-sein-wissen-ueber-den-klimawandel-geheim-hielt-a-1202889.html vom 16.04.2018 (Zugriff: 20.03.2021)


Hoffmann, Solvejg (2016): Wer viel liest, lebt länger, https://www.geo.de/wissen/gesundheit/17562-rtkl-literatur-wer-viel-liest-lebt-laenger (Zugriff: 20.03.2021)


Hüttig, Falk (2018): Lesen formt das Gehirn, https://www.mpg.de/lesen vom 17.04.2018 (Zugriff: 20.03.2021)


Obama, Barack (2020): Barack Obama über Politik und Privates - Markus Lanz https://www.youtube.com/watch?v=7B_lN3RbXFs&t=284s vom 19.11.2020 (Zugriff 20.03.2021)


Peterson, Jordan B. (2019): 12 Rules for life - Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt, 5. Auflage, München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2019


Salmen, Patrick (2015): Tagebuch eines Nichtrauchers, https://www.youtube.com/watch?v=_cQjqm-W2mM&t=116s vom 16.02.2015 (Zugriff: 20.03.2021)


Statista (2020): Aktivitäten beim Zuhausebleiben wegen der COVID-19/Corona-Pandemie 2020, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1110488/umfrage/aktivitaeten-beim-zuhausebleiben-wegen-der-covid-19-corona-pandemie/ vom 09.06.2020 (Zugriff: 19.03.2021)

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